
"Die Kritik basiert auf Missverständnissen"Während der Studentenproteste platzte im Dezember an der Uni Hamburg die Bombe. Dieter Lenzen (63), umstrittener Präsident der Freien Universität Berlin, wurde zum Nachfolger von Monika Auweter-Kurtz gewählt. Eine heikle Entscheidung, die viele Studenten wütend gemacht hat. Im UNISCENE-Interview spricht Lenzen ausführlich über seine Sicht der Dinge und wie er die Uni Hamburg an die Spitze deutscher Hochschulen führen will.

Ich habe in Berlin mit der Arbeit in der Hochschulleitung viele gute Erfahrungen sammeln können, die ich gerne mit denjenigen teilen möchte, die sich für eine Weiterentwicklung auch anderer Universitäten einsetzen. Das ist in Hamburg offensichtlich der Fall. Auch ist die Universität Hamburg heute in der gleichen Situation, in der sich die Freie Universität vor zehn Jahren befunden hat. Sie ist eine Universität, die Forschung und Lehre auf hohem Niveau anbietet – sie leidet dennoch an einem schlechten Image. Es ist eine reizvolle Herausforderung zu versuchen, dies zu ändern.
Die Präsidentschaft von Frau Auweter-Kurtz hat im vorigen Jahr ein lautes Ende genommen. Beeindruckt Sie das?
Aus jedem Ereignis kann man etwas lernen, auch aus Misserfolgen und problematischen Entwicklungen. Es wird deshalb wichtig sein, gemeinsam mit möglichst vielen Mitgliedern der Universität die nächsten Jahre zu gestalten.
Wie bewerten Sie das Erbe, das Sie hier antreten?
Was im politischen Feld üblich ist – im Nachhinein Amtsvorgänger zu kritisieren – gehört sich für akademische Institutionen nicht. Insofern möchte ich keine Bewertung vornehmen.
Auf welche Aufgabe freuen Sie sich hier in Hamburg besonders?
Ich würde mich freuen, wenn es gelänge, der Universität bei der Entwicklung eines Selbstbewusstseins zu helfen, das sie wirklich verdient. Von außen kommend sieht man nämlich viel besser, wie gut diese Universität ist, und dass sie sich hinter anderen großen deutschen Hochschulen wahrlich nicht verstecken muss. Der Stadt und der wissenschaftlichen Gemeinschaft außerhalb Hamburgs zu zeigen, dass dieses eine hervorragende Institution mit einer großen demokratischen Tradition ist, ist ein wichtiges Ziel.

Ich glaube, es gibt eine ganze Reihe von Herausforderungen, die sich an Größe durchaus miteinander messen können. Dazu gehört die bauliche Erneuerung der Universität, deren Gebäude in vielen Bereichen in einem jämmerlichen Zustand sind. Dazu gehört auch ein fairer Ausgleich zwischen den Fächergruppen, die, jede auf ihre Weise, ihren Beitrag zum gesellschaftlichen Auftrag der Universität leisten. Enorm wichtig ist es zudem, für die Universität neue Handlungsspielräume zu schaffen. Dies sowohl hinsichtlich ihrer finanziellen Ausstattung als auch ihres Anrechts auf eigenverantwortliche Entscheidungen in wesentlichen Fragen.
Wie kommt es, dass selbst in der Hamburger Öffentlichkeit das hohe Niveau der Universität oft nicht anerkannt wird. Wie wollen Sie das ändern?
Unterschätzt zu sein, das kennen wir aus dem menschlichen Alltag, kann ganz unterschiedliche Gründe haben: Bescheidenheit, Ängstlichkeit, fehlende Erfahrung mit öffentlicher Kommunikation und vielleicht auch, anders herum betrachtet, geschwundenes Vertrauen in der Öffentlichkeit. Wir müssen gemeinsam und offensiv auf Medien, auf die Hamburger Bürger und auf die Mitglieder der wissenschaftlichen Gemeinschaft in Deutschland und darüber hinaus zugehen und die Leistungsfähigkeit der Universität zur Darstellung bringen. Das ist aufwendig, aber dringend erforderlich.
Woran werden die Studenten merken, dass mit Ihnen ein neuer Wind an der Hamburger Uni weht?
Ich sehe meine Rolle nicht als Windbeutel sondern als Moderator zwischen unterschiedlichen Interessen. Wenn Sie ein bestimmtes Lebensalter erreicht haben, sind Sie selbst unverdächtig, eigene Interessen zu verfolgen. Das wird es vielleicht leichter machen. Insofern hoffe ich, dass es gelingt, die Rolle eines ehrlichen Vermittlers zwischen
den Gruppierungen einnehmen zu können.
Es kam zu Protesten nach der Wahl. Wie gehen Sie damit um, und was entgegnen Sie den Kritikern?
Die Kritik, die Sie ansprechen, hatte im Wesentlichen zwei Ursachen. Bitter ist die Erkenntnis, dass sie auf Missverständnissen und Fehlinformationen basierte. Zum einen waren es Missverständnisse hinsichtlich des Anhörungs- und Wahlverfahrens, für das ich nicht verantwortlich war. Zum anderen tauchten zahlreiche Fehlinformationen im Internet auf, in Blogs häufig auch noch von anonymen Verfassern bereitgestellt. Wenn man mangels anderer Möglichkeiten darauf beschränkt ist, Informationen über Menschen aus dem Internet zu beziehen, dann ist Kritik nachvollziehbar. Anders als bei seriösen redaktionellen Publikationen werden die Informationen des Netzes aber von niemandem überprüft, sondern nur zu leicht für wahr genommen. Leider nimmt das, bis hin zu Fotomontagen und aus dem Zusammenhang gerissenen Zitaten, zum Teil diffamierende Formen an, für die es keine sachliche Grundlage gibt. Das ist schade, gehört aber zu unserer neuen Welt. Am Ende wird aber wichtig sein, welche Entscheidungen getroffen werden und nicht, was im Internet steht.

Ich habe die Art der Einführung von Bachelor und Master schon deshalb immer kritisiert, weil sie die kontinentale Tradition der Universität und ihre Abschlüsse umstandslos liquidiert hat. Wäre der achtsemestrige Bachelor der Normalfall gewesen – hätten sich also deutsche Bildungspolitiker in Europa durchsetzen können und wären sie wegen der durch den Föderalismus gegebenen Lähmung nicht handlungsunfähig gewesen – dann hätte man die klassischen Abschlüsse übernehmen und vielleicht mit einem neuen Namen versehen können. Gleichwohl müssen wir uns zu dem Ziel bekennen, keine nationalen Alleingänge mehr zu verfolgen. Damit hat Deutschland in der Welt wahrlich genügend Katastrophen angerichtet. Aber Europäisierung muss ja nicht identisch sein mit Anglifizierung. Insofern hätte man sich einen fairen Ausgleich zwischen den verschiedenen historischen Universitätstraditionen gewünscht.
Was wurde bei der Einführung generell falsch gemacht – in Berlin und in Hamburg?
Die Fehler bei der Einführung von Bachelor und Master sind nicht auf Berlin oder Hamburg beschränkt, sondern ein teilweise europaweites Phänomen, wobei manche Länder viel liberaler mit den Vorgaben umgehen als die deutschsprachigen. Zu den Fehlern gehören insofern die häufige Beschränkung auf den sechssemestrigen Bachelor, die fachliche Überladung, insbesondere der sechssemestrigen Bachelor-Studiengänge mit Stoff, der ursprünglich für acht bis neun Semester vorgesehen war, die unglaubliche Menge an Einzelprüfungen, noch dazu häufig beschränkt auf Klausuren, und der hohe Verrechtlichungsstand der Reform, der ein hohes Maß an IT-Entwicklung voraussetzt. Letztere hätte bundeseinheitlich gemacht und vor allen Dingen erprobt werden müssen, bevor sie eingeführt wurde. Zu erwähnen sind allerdings auch die Vorteile, die die Reform gebracht hat. In erster Linie sehe ich beispielsweise die Abschaffung von Schlussexamina, die für viele Menschen dem Gang zum Schafott gleichkamen, weshalb sie jahrelang zögerten, sich zur Prüfung zu melden. Beseitigt werden konnte auch die geringe Objektivität der Leistungsüberprüfung und die damit verbundene Allmacht der Professoren, die sich junge BA-Studenten heute gar nicht mehr vorstellen können. Dies sind nur zwei Beispiele dafür, dass die Reform auch Gutes hervorbrachte, das aber durchaus noch optimierungsfähig ist.
Denken Sie, dass das traditionelle deutsche „Humboldt’sche Bildungsprinzip“ heute noch eine Daseinsberechtigung hat?
Das „Humboldtsche Bildungsideal“ bestand in der Vorstellung, dass allgemeine Menschenbildung durch die Befassung mit der Wahrheitssuche, also der Forschung, möglich sei. Humboldt leitete diese Ideen aus seinem spezifischen Verständnis des Studiums der alten Sprachen ab. Zu seiner Zeit wurde wenig gewusst, jede noch so kleine Neuentdeckung war prägend für Lehrende und Lernende. Ein Kanon war mehr ein Glaubenskanon als ein solcher des Wissens. Mit anderen Worten: Die Situation hat sich völlig geändert. Es wird unglaublich viel gewusst auf dieser Welt, und wir müssen versuchen, in dieses Dickicht des Wissens gemeinsam als Lehrende und Lernende Schneisen zu schlagen, um uns überhaupt zu orientieren. Aber genau dieser Vorgang ist es, den man heute als „Bildung“ bezeichnen könnte. Insofern wandelt sich der Bildungsbegriff ständig. Von den beiden Kernbestimmungsstücken, der Humboldtschen Einsamkeit und Freiheit des Lernens und Forschens, bleibt die Freiheit ohne Abstriche weiterhin unverzichtbar. Von der Einsamkeit wissen wir heute, dass sie lernpsychologischer Unfug ist. Das Lernen in Gruppen ist schlicht effektiver.
Finden Sie die Höhe der Studiengebühren in Hamburg angemessen? In Berlin gibt es ja noch keine Studiengebühren...
Ich bin zu jedem Zeitpunkt gegen die Einführung von Studiengebühren gewesen. Meine Eltern haben für mich selbst noch Studiengebühren und sogar Schulgebühren bezahlt, und ich weiß, wie schwer ihnen dieses gefallen ist. Ich möchte, dass sich dieses nicht wiederholt, zumal wir inzwischen empirisch recht solide wissen, dass Studiengebühren Kinder sogenannter bildungsferner Schichten sehr wohl vom Studium abhalten können.

Hier muss man differenzieren: An der Universität kann man Wirtschaftswissenschaften studieren. Insofern ist die Universität offen für das Wirtschaftsgeschehen. Wenn mit der Wirtschaft Unternehmen gemeint sind, dann ist vollkommen klar: Keine gesellschaftliche Teilgruppe – Wirtschaft, Kirche, Gewerkschaften, Arbeitgeberverbände – also alle, die nur partikulare und keine gemeinsamen Interessen vertreten, kann einen Einfluss auf die Universität beanspruchen. Die demokratische Kontrolle über die Universität obliegt der gewählten Regierung und dem Parlament. Das kann natürlich nicht heißen, dass die Diskussion mit Gewerkschaften, Verbänden, Unternehmen, Kirchen und anderen Organisationen aus der Universität verbannt würde. Ganz im Gegenteil, sie ist der Ort des Diskurses und die unterschiedlichen Interessen, die durch Gruppen vertreten werden, können in der Universität in einem handlungsentlasteten Raum am ehesten kritisch und zielführend diskutiert werden.
Wie würden Sie ihren Führungsstil eigentlich selbst einschätzen?
Ich staune immer wieder über die Rückkehr des Wortes „Führung“ im deutschen Vokabular der Medien. Damit hat Deutschland keine guten Erfahrungen gemacht. Deshalb kann es nicht um Führung gehen. Die Mitglieder der Universität sind keine unmündigen Kinder. Vielmehr handelt es sich um Moderation und Entscheidungen. Diese dürfen nicht willkürlich sein, sondern sie sind im Interesse der Institution zu treffen.
Wie lange werden Sie brauchen, bis Sie die Hamburger Uni auf dem Level haben, das Sie sich vorstellen?
Es geht nicht darum, die Uni auf einen Level zu bringen, so, als ob es sich um ein Entwicklungsland handeln würde. Die Universität ist auf einem sehr guten Level. Nun kommt es darauf an, dieses sichtbar zu machen, das dazu erforderliche Selbstbewusstsein zu entwickeln und nach außen die Forderungen zu stellen, die dieser Leistungsfähigkeit angemessen sind. Wie lange das dauert, hängt davon ab, wie schnell wir unsere Gemeinsamkeiten entdecken, entfalten und zur Wirkung bringen.
Welchen Ort mögen Sie in Hamburg persönlich am Liebsten?
Den Hafen natürlich, weil er gleichzeitig Geborgenheit und Weite vermittelt. Die Worte „inveni portum“, die Rede vom Angekommensein im Hafen, ist deshalb eine Metapher, von der ich mich freuen würde, sie für mich auf die Universität Hamburg beziehen zu dürfen.
Interview: Manuela Chrestels
LINKS ZUM THEMA
>Uni Hamburg


















