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Ich musste mich auskotzen
Literatur-Tipp: Sophie Albers "Wunderland"

Sophie Albers schreibt von der Journalistin Hanna, die auf den Migranten Tamer trifft. Mit uns sprach die Autorin über den Preis des "Fallenlassens", Integration und Schwarz-Weiß-Malerei.

Journalistin Albers: "Ich wünsche mir eine Integrationsdebatte ohne Hysterie"
Foto: Steffen Jaenicke
"Ich musste mich auskotzen“

In ihrem Romandebüt "Wunderland" nimmt Sophie Albers das heiße Thema Integration literarisch ins Visier. Die Autorin erzählt darin die Geschichte der Journalistin Hanna, die sich aus Recherchegründen mit dem Neuköllner Migranten Tamer auseinandersetzt. Dieser bringt ihr Leben und ihre Wertvorstellungen gründlich durcheinander. Mit uns sprach die Autorin über den Preis des "Fallenlassens", eine wünschenswerte Integrations-Debatte und Schwarz-Weiß-Malerei.

Warum haben Sie dieses Buch geschrieben?
Um ehrlich zu sein aus Wut. 2006 wurde auf allen Kanälen wild über die Rütli-Schule diskutiert. Ich war damals als Kulturredakteurin mit der Berliner Straßen-Rap-Szene einigermaßen vertraut und habe ein paar dieser Jungs und ihrer Fans kennengelernt. Ich habe zu Beginn nur für mich selbst geschrieben, weil ich das Gefühl hatte, mich auskotzen zu müssen. Ich habe so viele Geschichten gehört und gesehen. Ich wollte aufschreiben, wie es wirklich war. Dann wurde eine ganz eigene Geschichte daraus. Schließlich habe ich sie Freunden zu lesen gegeben, und die haben mich unterstützt, sie zu veröffentlichen.

Das Buch trägt den Titel "Wunderland“. Das hat mich angesichts des harten Themas gewundert.
Ich hatte die ganze Zeit Lewis Carrolls "Alice im Wunderland“ im Kopf: Das Mädchen springt ins Kaninchenloch und kommt in einer Welt wieder heraus, die es nicht versteht. In der seine Werte und Normen nicht gelten.

Der neue Roman "Wunderland"
Foto: Knaus Verlag
Ein zentraler Begriff in Ihrem Roman ist Heimat. Tamer, der von der Gesellschaft nicht als Deutscher angenommen wird, scheint sich in Berlin heimischer zu fühlen als Hanna. Was bedeutet Ihnen persönlich Heimat?
Ich habe Heimat nie an Orten festgemacht, sondern immer an Menschen. Ich habe mich schon in verschiedensten Ländern heimisch gefühlt. Hanna gehört zu den Deutschen, denen der Begriff Heimat nicht so einfach über die Lippen geht. Für Tamer ist es eine Selbstverständlichkeit, seine Heimat zu preisen. Der Kontrast wird dadurch verschärft, dass Tamer Moslem und Hanna Jüdin ist. Schließlich nimmt sich Hanna die Frage nach der eigenen Identität noch einmal vor.

Die Gegenwelt, die Sie beschreiben, macht großen Eindruck auf Hanna. Gelegentlich wirkt es, als blicke sie mit einem gewissen Neid auf die einfach gestrickte Macho-Welt.
Aber Schwarz-Weiß ist doch nun mal faszinierend. Weil es so schön einfach ist. Danach sehnen sich die Menschen manchmal. Komplexitätsreduktion. Es ist verführerisch für Hanna, sich einmal fallen zu lassen, einem Mann die Kontrolle zu überlassen nach dem Motto: "Babe, ich mach das mal für Dich“. Aber gleichzeitig weiß sie, wie rückständig dieses Verhalten ist, dass der Preis für das nette Gefühl des Umsorgtwerdens viel zu hoch ist, nämlich eingesperrt zu sein. Wer auf Komplexität verzichtet, verzichtet auf Freiheit.

Tragen Sie durch Ihre Darstellung des "edlen Wilden“ nicht zu einem sozialromantischen Klischee-Bild bei?
Das fragt Hanna sich doch auch! Aber Tamer ist nicht nett, zuweilen ist er sogar ziemlich "unedel“. Aber auch voller Widersprüche — ­­­­­­­­­wi­e alle Menschen. Tamer ist ein Kondensat aus verschiedenen Menschen, die ich kennengelernt habe. Insofern entsprechen die dann wohl tatsächlich einem Klischee.
­­­
Wie würden Sie sich wünschen, sollte die Debatte um Integration in Deutschland geführt werden?
Zu dieser Debatte kann ich nur eines sagen: Hysterie ist nie gut.

5 Facts zu Sophie Albers

Sophie Albers wurde 1970 in Hamburg geboren

Sie hat an der Universität Bonn Filmwissenschaften, Germanistik und Geschichte studiert
Seit zehn Jahren lebt die gebürtige Hamburgerin in Berlin
Die Autorin arbeitet als Kulturredakteurin bei stern.de
Wunderland ist ihr Erstlingsroman, der im Knaus Verlag erschienen ist.

Inhalt:

Hanna ist eine junge, behütet aufgewachsene Frau aus liberalen Kreisen, in denen Toleranz zum guten Ton gehört. Sie hat einen guten Job und lebt ein Leben voller Gewissheiten. Als sie Tamer trifft, den irritierend-faszinierenden arabischen Macho mit der Goldkette, den markigen Sprüchen und den ganz anderen Wahrheiten, eröffnet sich ihr eine neue Welt. Diese erschüttert Hannas Werte und Gewissheiten und bringt ihre Welt beinahe zum Einsturz.

Und das meint die UNISCENE dazu…

Mit ihrem Erstlingsroman ist Sophie Albers ein intelligenter und reflektierter literarischer Blick in die Parallelgesellschaft gelungen. Durch ihr literarisches Können demonstriert die Autorin eindrucksvoll das Eintauchen und Verschwinden der Protagonistin Hanna in einer fremden, verführerischen, aber auch abstoßenden Welt. Das Werk ist durchaus fordernd für den Leser und regt zur Hinterfragung der eigenen Lebensumstände an, es strotzt allerdings passagenweise vor unangebrachter Sozialromantik.

Sophie Albers: Wunderland, Roman, Hardcover,176 Seiten, 14,99  €, erschienen im Knaus Verlag, W: .randomhouse.de/knaus, vier von fünf Sternen

Text: Clara Nagele

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Leser-Kommentare (1)
Lakeisha (11.01.2013 15:36 Uhr)
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